"gebenedeit" ein Kindheitsalbtraum

 Ein Alptraum aus meiner Kindheit

 

Als normal heranwachsender Katholik erinnere ich mich gerne an meine Zeit als Ministrant, an die Erstkommunion, die Firmung und sonstige familiären Kirchenfeste. An die christliche Botschaft im Allgemeinen und an das üppige Essen und die Geschenke im Besonderen.

Schließlich hat mich das alles geprägt und zu dem gemacht, was ich heute glaube zu sein. Wenn ich auch kein eifriger Kirchengänger geworden bin, sehe ich mich doch als Mitglied unserer christlich geprägten Kultur mit all seinen Werten.

Eine der negativen Erinnerungen an meine Kindheit ist mit dem altbackenen Unwort „gebenedeit“ zusammengefasst.

Dieses Wort ist für mich mit modriger Ursuppe und Tod behaftet, mit der Selbstgeißelung alter Weiber und der Folter. Es hat sich wahrscheinlich aus der Zeit zwischen meinem 3. und 6. Lebensjahr als Geißel des exzessiven „Sakralismus“ in meine Alpträume gemeißelt.

 

Vielleicht auch als Geißel meiner Oma, welche ich in dieser Zeit oft zum Friedhof oder in die Kirche begleiten musste. Eingeleitet wurde die Folter damit, dass sie vor der Kirchentür mit zwei Händen mein Kindergesicht fixierte und mit den Worten: „Geh har, wie schaust´n aus“, ihre „gebenedeite“ Gesichtswaschung begann. Nämlich indem sie auf ihr Taschentuch spotzte, und mir damit im Gesicht herum schrubbte, um mein Antlitz zu reinigen.

Es gab nichts Schlimmeres für mich, als gefühlte Ewigkeiten still dabeizustehen oder zu sitzen, wenn Oma und ihresgleichen das „grausame“ Gebenedeit unaufhörlich am Rosenkranz herunterleierten. Im unterfränkischen Retzbacherisch und in Verbindung mit der monotonen, leicht krächzenden Stimme der alten Frau quälte sich das „ei“ dann zu einem „ai“, und es wurden mit blaierner, nachdrücklicher Betonung „Laiber … gebenedait ... bis zur Stunde maines Todes“, in welcher ich mich dort offensichtlich und unmittelbar befand.

 

So empfand ich das eben als Kind. Dieser büßerische Umgang mit dem Tod, das Umfeld von Friedhöfen oder Büßerecken in der Kirche machte mir Angst, und ich sah gepeinigte Leiber und Qualen vor mir, wie auf Heiligenbildern oder sakralen Gemälden.

Mit der Schule war alles verdrängt, und ich fand wie alle meinen eigenen Weg ohne Oma. Erst im „Google-Zeitalter“ erinnerte ich mich an dieses „schuldbehaftete“ Unwort und erkundete mit einiger Überraschung seine Bedeutung. Dennoch ist es für mich ein abstoßendes Unwort, das ich bisher ehr mit „verflucht“ oder „gemartert“ assoziiert habe, geblieben. Wenn ich heute andere Mittfünfziger mit diesem Wort konfrontiere kommt regelmäßig ein:

 „Ach ja, dieses Wort, ... furchtbar!“

 

Gebenedeit bzw. benedeien ist aus dem lateinischen „benedicere“ abgeleitet und bedeutet „segnen“, „lobpreisen“. Es stammt noch aus dem staubigen Kapitel unserer Kirche, das sich bekanntlich mit Neuerungen und Alltagsnähe schwer tut. Für meine kindliche Nachtmahr möchte ich mich jetzt revanchieren und auch mal ganz offiziell benedeien:

Gebenedeit seien alle vermoderten Gebetsbücher für das Runterleiern „prähistorischer“ Phrasen, gebenedeit seien die Keller der katholischen Kirche mitsamt ihren „versteckten Leichen“ und gebenedeit sei der Stuhl in Rom, den die päpstlichen Oberhäupter offensichtlich erst dann besteigen dürfen, wenn sie der Moderne abschwören und den 5. Lebensabschnitt des körperlichen Verfalls und der Verkalkung erreicht haben.

 

 

Definition von Heimat

Genau wie die Begriffe „Mutter“ und „Familie“ ist auch der Begriff Heimat für mich heilig und keine, wie auch immer deutbare Ansichtssache.

Politik und Medien versuchen seit Jahrzehnten, je nach politischem Kalkül und Volksmanipulations-Absicht diese Begriffe durch andere Deutung und regelrechte „Vergewaltigung“ zu verwässern, zu entehren und zu entwerten, ja zu eliminieren. „Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle…“-wie anmaßend, egoistisch und arrogant. Dann könnte man auch beanspruchen: „…meine Mutter ist die Frau, die ich mir aussuche.“

Der Begriff, der Wert und das Gefühl „Heimat“ ist einfach erklärt und durch nichts zu ersetzen, genauso wenig wie die Begriffe „Mutter“, „Familie“, „Natur“ und „Erde“.

Heimat ist der Boden wofür meine Ahnen und Vorfahren gearbeitet und gekämpft haben, die Erde und Umwelt welche sie für die folgenden Generationen aufbereitet und erhalten haben, für welche sie gestorben und in der sie auch beerdigt sind. Daraus bin auch ich geboren, habe meine guten und auch schlechten Kindheitserinnerungen und Erfahrungen, meine Sprache und mein Fühlen mitgenommen, was mich und mein Leben prägte. Ich fühle mich unabdingbar verbunden mit meiner verstobenen Mutter, meinen Lieben und Vorfahren, deren Gräber zu meinem Sein gehören und deren Hinterlassenschaft unser aller Leben und Umfeld noch heute prägt. Dazu gehört im Übrigen auch unser sog. Wohlstand, dessen Aufbau sich viele unserer Vorfahren trotz schwerster Arbeit, oft auch noch vom Munde abgespart haben, damit wir ihn gratis übernehmen konnten.

Unter von jenen gepflanzten Bäumen im Schatten zu sitzen, verpflichtet uns das Erbe wiederum für unsere Nachfahren zu erhalten. Ein Erbe, das es mir seither an nichts fehlen ließ, auch wenn es uns kein sorgloses Leben zu garantieren vermochte, so doch eine seelische Geborgenheit. Auch meine Kinder sind hier geboren und beleben dieses elementare Gefühl aufs Neue.

Das ist Heimat, das ist Familie und Mutter, das ist die untrennbare Einheit von Vergangenheit und Zukunft, das ist Identität und macht uns zu echten, natürlichen Personen. Man kann Menschen ein neues Leben bieten, nie jedoch eine neue Heimat, ebenso wenig wie eine neue Mutter.

 

Frankenwerner